ai Figge (l.) und Andreas Lüning (r.) entwickelten vor 35 Jahren die erste kommerzielle Antivirensoftware der Welt – sie teilen sich heute den Vorstand von G DATA. Foto: G Data

35 Jahre IT-Sicherheit made in Bochum

In einer Gartenlaube entwickelten Andreas Lüning und Kai Figge vor 35 Jahren die erste kommerzielle Antivirensoftware der Welt entwickelt und das Unternehmen G Data auf die Beine gestellt. Durch ständige Anpassung an eine sich rasant verändernde Branche spielen die beiden Freunde im Bereich der Cyber Security heute ganz vorne mit.

Alles begann mit einer 3,5-Zoll-Diskette und zwei Viren, die Andreas Lüning darauf fand. 1987 war das. Kurzerhand schrieb der damalige Student einen Code, um die Viren zu beseitigen und erzählte seinem späteren Geschäftspartner Kai Figge davon. Der wiederum erkannte das Potenzial von Lünings Werk. Fortan trafen sich die beiden in einer Bochumer Gartenlaube, um gemeinsam an einem Programm zu tüfteln. Kurz darauf der große Hit: Das AntiVirenKit, das erste kommerzielle Antivirenprogramm der Welt, war geboren. Seitdem schreibt das Duo aus dem Ruhrgebiet mit G Data seine Erfolgsgeschichte unaufhörlich fort, wenngleich das nicht immer einfach war, und ist heute Teil eines kompetenten Hotspots von IT-Sicherheitsfirmen am Standort Bochum.

„Uns stand das Wasser schon ein paar Mal bis zum Hals“, sagt Andreas Lüning. „Da muss man die Ruhe bewahren.“ Der Grund für manche Unwägbarkeit lag in der rasanten Entwicklung der IT-Branche. Der Erfolgszug von PC und Internet, von iPhone und Co, Lüning und Figge haben alles hautnah miterlebt und sich immer wieder anpassen müssen: In den 1990er-Jahren machten sie viel in Software. Mitte der 2000er beerdigten sie ihre langjährigen Erfolgsschlager PowerRoute, der sich seit der Massentauglichkeit von GPS-Navis überholt hatte, PowerInfo, Logox und DaViDeo. Dann konzentrierten sie sich wieder voll und ganz auf Cyber Security. Und seit 2015 bieten sie neben Antivirensoftware auch IT-Security-Dienstleistungen an. Aus der Gründung von 1987 ist mittlerweile G Data CyberDefense geworden, eine Aktiengesellschaft mit 500 Mitarbeitern, über den ganzen Globus verteilten Niederlassungen und jährlichen Umsätzen im mittleren zweistelligen Millionenbereich. Den Vorstand teilen sich Figge und Lüning nach wie vor.

Mit dem Begriff Karriere kann Andreas Lüning trotzdem wenig anfangen. „Wann wird man denn erwachsen?“, fragt er lachend. „Mit 19 haben wir komische Programme an Leute verkauft, die diese unbedingt haben wollten. Irgendwann kamen Mitarbeiter dazu, irgendwann ist es eine GmbH geworden und irgendwann eine Aktiengesellschaft. Aber ich bin ja immer noch der Alte“, sagt er. Der Gedanke, dass ihn neue Mitarbeiter vielleicht nur als alten Mann kennen, der im obersten Stock sitzt und irgendwas mit C – also CEO, CTO oder CFO – vor dem Namen trägt, lasse ihn erschrecken.

Kai Figge bezeichnet die zurückliegenden 35 Jahre als dynamischen Prozess. Dennoch hat sich vieles verändert. „Die Welt ist gerade im IT-Bereich viel schneller und komplexer geworden, genau wie die Vertriebs- und Marketingorganisation“, sagt Figge. „Und auch die Mitarbeiterführung funktioniert heute nicht mehr so wie vor dreißig Jahren“, ergänzt sein Geschäftspartner Lüning. Ab einer gewissen Größe komme man nicht mehr umher, Verantwortung abzugeben und müsse das Unternehmen so aufstellen, dass es sich auch selbst organisieren könne. „Als Führungskraft muss man heute viel zuhören und intensiv auf die Menschen eingehen, um zu erkennen, wie sie untereinander agieren und kommunizieren“, sagt Lüning. Da wiederum hakt Figge ein. Man müsse sich die Dinge, die unbewusst laufen, bewusst machen und reflektieren, ist er sich sicher.

Die beiden G Data-Vorstände ergänzen sich perfekt. Das ist wohl auch ein Grund für den jahrzehntelangen Erfolg des gemeinsamen Projekts. Andreas Lüning ist der technisch orientiertere und verantwortet deshalb primär diesen Bereich, dazu das Marketing. Kai Figge kümmert sich um die Finanzen, das Personal, den Vertrieb und die Organisation. Gemeinsam haben sie aus ihrem Gartenlaubenprojekt eines der führenden Unternehmen für Sicherheitstechnologien gemacht. Heute ist G Data der einzige Hersteller von B2B-Sicherheitslösungen, der aus Deutschland kommt und ausschließlich in Deutschland eigene Forschung und Entwicklung betreibt. In Bochum entstehen, auch dank des einzigartigen Netzwerkes vor Ort, moderne Sicherheitslösungen, die auf künstlicher Intelligenz und Graphentechnologie basieren.

Da die G Data-Geschichte seit jeher auch eine Geschichte der Anpassung an einen sich rasant entwickelnden Markt ist, lässt sich die Zukunft schwer voraussagen. „Es ist schwierig, im IT-Bereich weiter als drei bis fünf Jahre nach vorne zu blicken. Das ist Glaskugellesen“, sagt Lüning. Bei einem ist sich Kai Figge aber sicher: „Wir sind in der Vergangenheit auf viele Züge aufgesprungen, die durch Innovationen dann relativ schnell wieder abgefahren waren. Deshalb haben wir uns irgendwann dazu entschieden, uns wieder voll auf Cyber Security zu fokussieren. Das Thema bleibt uns auf Lebenszeit und darüber hinaus erhalten.“
Von Jonas Raab