Ein Chef zum Anfassen

Christoph Vilanek hatte dieses Jahr gleich zweimal Grund zum Feiern: Zum einen ist er seit zehn Jahren Vorstandsvorsitzender der freenet AG, zum anderen feierte das Unternehmen selbst seinen 20. Geburtstag. Der gebürtige Österreicher, Chef von rund 4000 Mitarbeitern, ist als zugewandt und bodenständig bekannt. Er hat das „Du“ im Unternehmen durchgängig etabliert, führt einen eigenen Blog. Der 51-Jährige hat auch eine Möglichkeit gefunden, wie ihm Mitarbeiter anonym Fragen stellen können, die er persönlich beantwortet. Und er redet nicht gerne um den heißen Brei herum, sondern nennt die Dinge beim Namen. Ein idealer Gesprächspartner also, wenn es um die Frage geht: Wie wird man erfolgreich?

Herr Vilanek, von einer Karriere wie der Ihren träumen viele. War das immer schon Ihr Ziel?
Christoph Vilanek: Als Kind wollte ich eigentlich Formel-1-Rennfahrer werden, weil Österreicher in dem Sport ziemlich erfolgreich waren. Niki Lauda hat nie Ruhe gegeben, weder als Mensch noch als Unternehmer oder als Sportler. Der Mann ist brennend aus seinem Auto geborgen worden und ein paar Wochen später wieder Rennen gefahren. Das ist schon einmalig.

Statt Formel 1 ist es dann doch ein BWL-Studium geworden. Nach Ihrem Abschluss haben Sie beim Verlag Time-Life International angefangen, sind Geschäftsführer beim Online-Modehandel boo.com geworden, waren für ein paar Jahre bei McKinsey und debitel, bevor sie zu freenet gewechselt sind. Was waren für Sie die wichtigsten Karriereschritte?
Die Rückschläge! Denn nur dann nimmt man sich Zeit, neu nachzudenken, und überlegt gezielt, wie man ohne Netz und doppelten Boden neu an Themen herangehen kann. Nach dem Studium und zehn Jahren Karriere habe ich für gut drei Jahre bei McKinsey gearbeitet. Diese Zeit war für mich am Ende die entscheidende, weil ich nach zehn Jahren autodidaktischer Karriere quasi nochmal die „Schulbank drücken“ musste. Ich habe bei McKinsey wahnsinnig schnell viel gelernt – oder besser gesagt lernen müssen.

Gab es weitere Hürden, die Sie überwinden mussten?
Oh ja! 1998 wurde ich vom Eigentümer meines damaligen Arbeitgebers, heute würde man sagen, hochkant gefeuert. Ich hatte seine Meinung in einer fachlichen Diskussion total falsch eingeschätzt und er präsentierte mir dafür die Rechnung. Heute würde ich sagen, das war jugendlicher Leichtsinn, aber es hat mich definitiv geprägt.

Was würden Sie Ihrem jüngeren Ich heute raten?
Nicht verbissen sein, nicht eifern, nicht nach oben schielen – einfach machen, selbstbewusst sein. Und an das berüchtigte Quäntchen Glück glauben, denn ohne das wird es nicht gehen. Mich fragen unsere Trainees oft: „Wie macht man Karriere?“ Meine Antwort ist immer dieselbe: „Fragen stellen. Ihr müsst immer fragen, wissbegierig sein, Aufmerksamkeit zeigen.“ Es ist für mich ganz erstaunlich, dass die jungen Leute von Networking sprechen und von eigenen Connections, aber vergessen, dass eine gut gestellte Frage beim Gegenüber mehr Wohlgefühle und Dopamin freisetzt als viele schlaue Bemerkungen.

Für viele ist ein Mentor das entscheidende „Quäntchen Glück“. Wer hat Sie auf Ihrem Weg unterstützt?
Ich könnte einige Leute nennen, deren Einfluss ganz wesentlich war. Besonders eindrucksvoll war zum einen ein Gespräch darüber, warum es nur ein Prinzip der Führung gibt, das Lob, und zum anderen der Aufruf eines Kollegen in der Beratung, doch meine Gedanken einer „intellektuellen Disziplin“ zu unterwerfen. Und natürlich Prof. Dr. Helmut Thoma, „Mr. RTL“. Er hat mich im Mai 2009 zum Vorstandsvorsitzenden der freenet AG gemacht.

War die Ernennung Ihr persönliches Karrierehighlight?
Ja, es fühlte sich einfach wie eine Belohnung an – für die eine oder andere Enttäuschung und Entbehrung vorher. An diesem Tag war ich richtig stolz auf das Erreichte. Vor lauter Freude hatte ich vergessen, meine Frau anzurufen und abends auf dem Nachhauseweg – nach unzähligen SMS und Gratulationsvoicemails – rief ich sie an, und wir sind beide in Tränen ausgebrochen. Da war schon spürbar, dass ich mir im Vorfeld über Jahre selbst Druck aufgebaut habe, der dann plötzlich abfiel.

Sind Sie glücklich?
Ich habe regelmäßig Momente eines totalen Glücksgefühls. Das sind meistens einzelne Augenblicke oder ein paar Minuten. Ich kann nicht sagen, woran ich dieses Gefühl festmache. Ich spreche zum Beispiel oft spontan Leute an und freue mich dann, dass ich nicht der Chef oder CEO bin, sondern einfach der Christoph.

Claudia Rothhammer