„Meine Stärken sind auch meine Schwächen“

Kisten Bruhn zählte zu den erfolgreichsten Handicap-Schwimmerinnen der Welt. Elf Jahre nachdem ein Motorradunfall ihr Leben komplett veränderte, meldete sich die frühere Schwimmerin zum ersten Mal querschnittsgelähmt als Rollstuhlfahrerin wieder zu einem Wettkampf an und schreibt Geschichte: Die Schleswig-Holsteinerin gewinnt unzählige Medaillen und holt bei den Paralympics dreimal Gold, viermal Silber und viermal Bronze. Heute kämpft sie dafür, dass jedes Schulkind schwimmen lernt – und darum, mit ihrem Schicksal im Reinen zu sein.

 

Was sind Ihre großen Stärken?
Meine Stärken sind ziemlich sicher auch meine Schwächen: Ich bin zielstrebig, aufrichtig, zuverlässig, rücksichtsvoll, sensibel – leider zu sensibel – und sehr organisiert.

Was bedeutet für Sie Erfolg?
Die persönlich gesetzten Ziele zu erreichen. Das können auch einfache Dinge sein, wie jemandem etwas zu sagen, das derjenige vielleicht gar nicht hören oder wissen möchte.

Sie haben 2014 Ihre Schwimmkarriere beendet. Vermissen Sie Ihr Leben als Profi?
Das Wetteifern, die Wettkämpfe und das Leben aus dem Koffer vermisse ich ganz sicher nicht. Aber ich vermisse meine Fitness.

Wofür brennen Sie heute?
Immer noch für das Schwimmen und dafür anderen zu helfen. Mein Beruf beim Unfallkrankenhaus Berlin als Botschafterin für Prävention, Rehabilitation und Sport zusammen mit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung ist meine Erfüllung. Ich liebe es zu vermitteln, wie wichtig Bewegung und Sport sind – und zwar für jeden!

Wie oft trainieren Sie noch?
Ich bin noch drei bis sechs Mal pro Woche im Wasser. Diese Stunde am Tag und die drei Kilometer sind für mich nach wie vor Medizin, Freund, Begleiter, Stabilisator und Therapie. Es gibt mir physisch und psychisch ein extrem gutes Gefühl und das hilft mir mit mir, dem Leben und den Herausforderungen klar zu kommen. Es ist meine Balance. Wenn ich die nicht habe, so wie zu Corona-Zeiten, dann habe ich ein Problem und werde unausgeglichen, depressiv und krank.

Welchen Vorteil hat die Sportler-Rente? Wahrscheinlich müssen Sie jetzt nicht mehr so diszipliniert sein, oder?
Ganz im Gegenteil. Jetzt muss ich leider auf andere Art und Weise diszipliniert sein, die mir bis dato gar nicht bewusst war. Sei es beim Essen, beim Tagesablauf oder in der Urlaubsplanung. Es war damals alles durchgetaktet. Das ganze Jahr war verplant. Ich wusste immer, wo ich wann, wieso, wie lange mit wem sein musste. So mag ich das. Ohne Plan und Programm kann ich irgendwie gar nicht sein. Meinen neuen Rhythmus habe ich noch nicht so richtig gefunden.

Hadern Sie noch manchmal mit Ihrem Schicksal?
Wenn ich könnte, würde ich es direkt rückgängig machen wollen. Aber ich bin auch Realist. Es ist, wie es ist. Ich versuche, ein gutes Leben zu leben. Daran arbeite ich Tag für Tag. Wahrscheinlich wie jeder andere auch, nur vielleicht etwas bewusster und mit mehr Wertschätzung und Dankbarkeit der Dinge, Funktionen und Möglichkeiten gegenüber, die ich noch habe und ausarbeiten kann.

Wie haben Sie es geschafft, sich nach dem Unfall ins Leben zurückzukämpfen?
Es war und ist auch heute noch ein steter Kampf. Ohne meine Familie und explizit meine Eltern hätte ich es nicht geschafft. Meine Eltern haben mich nicht geschont oder verhätschelt. So wie ich es brauche, um das Gefühl zu haben, etwas wert zu sein. Es ist, denke ich, für jeden wichtig, Bestätigung zu bekommen und damit auch einen Sinn für sich zu sehen.

Wie kann man sich selbst motivieren, um weiterzukämpfen?
Du musst dein eigener Antrieb sein. Du musst die Initiative ergreifen und sagen, wo deine Grenzen sind. Wenn man sich die Ziele selber und freiwillig setzt, ist es an einem selbst, sie aus eigener Kraft zu erreichen. Oberstes Gebot war für mich immer: betrüge niemanden und schon gar nicht dich selber. Das ist dumm!

Was würden Sie Ihrem Jüngeren Ich raten?
Denke mehr an dich und versuche nicht, es immer allen recht zu machen. Das klappt eh nicht und am Ende kommst du selbst zu kurz.

Woraus schöpfen Sie Kraft?
Geliebt zu werden, ein liebenswerter Mensch zu sein und der Glaube an mich, an die Kraft, die in mir steckt.

Welche beruflichen Ziele möchten Sie noch erreichen?
Dass jedes schulpflichtige Kind schwimmen kann – und ich meine wirklich Schwimmen zu können. Nicht nur nicht unter zu gehen. Das ist so wichtig!

Was würden Sie sich beim Umgang mit Behinderten wünschen?
Weniger Skepsis, weniger unterschätzen, weniger pauschalisieren, weniger Hemmungen, mehr ehrliche Lockerheit und das wirkliche Verstehen für die Begrifflichkeiten wie rollstuhlgerecht, Barriere-Armut, Inklusion und Gleichberechtigung. Wenn wir nicht über das Thema Behinderung reden, wird es noch mehr Hemmungen und Missverständnisse geben. Was mich stört, ist, wenn Menschen ohne Behinderung meinen, sie sind wertvoller für die Gesellschaft. Wenn jemand vor mir steht, mit gesunden Beinen und meint mir sagen zu können, wie ich mein Leben zu leben habe. Wenn mir jemand sagt: Na ja, Frau Bruhn, Sie haben es ja noch gut getroffen. Es hätte ja auch schlimmer kommen können.

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