Damit hat Prof. Dr. Reinhard Genzel nicht gerechnet: Gemeinsam mit Roger Penrose und Andrea Ghez hat er für seine Forschung zu Schwarzen Löchern den Nobelpreis für Physik 2020 erhalten. © Max-Planck-Institut für Extraterrestrische Physik, Garching

Eine Lebensreise an die Grenze des Universums

Prof. Dr. Reinhard Genzel hat die moderne experimentelle Astrophysik entscheidend mitgeprägt. Für seine Beobachtungen des Schwarzen Lochs im Zentrum der Milchstraße erhielt er – gemeinsam mit Roger Penrose aus Großbritannien und Andrea Ghez aus den USA – 2020 den Nobelpreis für Physik.

Ein gewöhnlicher Arbeitstag in Pandemiezeiten: Professor Dr. Reinhard Genzel befindet sich mit zwanzig Kollegen des Max-Planck-Instituts für extraterrestrische Physik in einem virtuellen Arbeitsraum. Das Telefon klingelt, der Professor nimmt ab und hört die Worte: „This is Stockholm“. Für einen kurzen Moment habe er gedacht, er würde halluzinieren, erinnert sich Genzel an jenen Tag im Oktober 2020. „Das mutete fast schon komisch an. Diese verrückten Zeiten und dann auch noch der Nobelpreis.“ Gewöhnliche Arbeitstage gibt es für Genzel auch Wochen nach diesem Anruf kaum noch. Glückwünsche und Interviewanfragen aus aller Welt prasseln auf ihn ein, tausend Mails wollen beantwortet werden.

Auch wenn Genzel in seinem langen Forscherleben unzählige Preise erhalten hat und nun auch noch die höchste Auszeichnung für einen Wissenschaftler überhaupt – man glaubt ihm sofort, dass sich Erfolg für ihn nicht in Preisen bemisst. Vielmehr ist es der Erkenntnisgewinn, der wissenschaftliche Fortschritt, um den es ihm geht. Ausgeprägten Forscherdrang hatte Genzel schon von klein auf. Zuerst war es die Archäologie, die es ihm angetan hatte. Noch mehr faszinierten ihn jedoch die physikalischen Experimente, die ihm sein Vater, Physiker und Direktor des Max-Planck-Instituts für Festkörperforschung, zeigte. „Ich wollte Forscher werden. Und es sollte die Physik sein. Die erbliche Vorbelastung schlug also durch.“

Nach seinem Studium im neu gegründeten Max-Planck-Institut für Radioastronomie in Bonn legte Genzel eine steile, wissenschaftliche Karriere hin, die Ende der 1970er-Jahre in den USA ihre Anfänge nahm. „Die USA war damals für mich das Traumland schlechthin. Ich war ein Nachkriegsdeutscher, vom Gefühl geprägt, kein Deutscher sein zu wollen.“ So ging es für Genzel und seine Frau – er hatte in den Bonner Jahren die angehende Ärztin Orsolya Boroviczeny geheiratet – in das Land der Verheißung. Dort, genauer gesagt bei Nobelpreisträger Charles Hard Townes an der Universität in Berkeley, fand er in den Schwarzen Löchern sein wissenschaftliches Lebensthema. In den Jahrzehnten darauf sollte ihm in mehreren Forschungsphasen der Beweis gelingen, dass sich im Zentrum der Milchstraße ein Schwarzes Loch befindet. Bereits Einstein hatte ein solches vermutet, Genzels Forschung lieferte nun den Beweis dafür. Entscheidende Messungen dafür seien am Paranal-Observatorium der Europäischen Südsternwarte in Chile gelungen, sagt Genzel, der zu diesem Zeitpunkt bereits Direktor am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching war. „Die großen Sprünge kamen immer dann zustande, wenn es uns gelang, neue, bessere Instrumente und Teleskope zu bauen. Es gibt aber keinen bestimmten Durchbruch, vielmehr erhärtete sich durch unsere Forschung allmählich die Evidenz, dass wir es bei unserem Beobachtungsobjekt mit einem massereichen Schwarzen Loch von etwa vier Millionen Sonnenmassen zu tun haben.“

Doch wie bleibt man so lange an einem Thema dran? Unabdingbar dafür seien die Ressourcen, sagt Genzel. „Ohne die Max-Planck-Gesellschaft wäre meine Forschung so nicht möglich. Aber auch die europäische Zusammenarbeit ist ganz entscheidend. Erfolg in der Forschung ist heute nur im Team zu erzielen.“ Im Laufe von dreißig Jahren haben in Genzels Team unter anderem sechzig Doktoranden und dreißig Postdocs gearbeitet…

Von Stephanie Burger

Das ganze Interview finden Sie in der Printausgabe von Secrets of Success.