Er hat seine Wünsche immer vor Augen und ist dabei stets realistisch: Naturwissenschaftler und Direktor an den Max-Planck-Instituten für biophysikalische Chemie in Göttingen und für medizinische Forschung in Heidelberg: Stefan Hell. / Foto: © MPIBP

„Erfolg ist keine Selbstverständlichkeit.“

Forschung und Wissenschaft faszinierten Prof. Dr. Stefan Hell schon seit Kindertagen. Der Ehrgeiz, neue Entdeckungen aufzuspüren und die richtigen Fragen nach dem Warum zu stellen, wurde 2014 mit dem Nobelpreis für Chemie belohnt. Trotz aller Forschungen und Erkenntnisse lässt sich der Physiker gern von zufälligen Glücksmomenten überraschen.

 

Mit der Verleihung des Nobelpreises haben Sie die wichtigste Ehrung erhalten, die es in der Wissenschaft gibt. Ist dies auch Ihr persönliches Highlight Ihrer Karriere?

Zweifellos war die Preisverleihung durch König Gustav von Schweden einer der aufregendsten Momente in meinem Leben. Ich betrachte aber die Entdeckung, dass man mit Licht molekular scharfe Mikroskopbilder aufnehmen kann als den eigentlichen Erfolg. Also herausgefunden zu haben, dass es entgegen jeglicher Lehrmeinung physikalisch geht. Bei allem Respekt für den Nobelpreis: für mich ist die Entdeckung an und für sich das Highlight.

Warum wählen Sie diesen Blickwinkel?

Stefan Hell (l.) bei der Verleihung des Nobelpreises für Chemie im Jahr 2014. / Foto: © Nobel Media AB 2014, photo: Alexander Mahmoud

Weil am Ende nur die Ergebnisse zählen und das, was man mit ihnen machen kann. Auch muss man als Wissenschaftler ein untrügliches Auge für den realen Sachverhalt haben. Selbst wenn die Fakten einem nicht in den Kram passen, muss man sie trotzdem erkennen und anerkennen. Die Natur ist nun mal so, wie sie ist. Bei all den Schwächen, die ich sicherlich habe, gehört wahrscheinlich zu meinen Stärken, dass ich versuche, mein Bestes zu geben, Wunschdenken von Realität zu trennen. Allerdings ohne dabei die Wünsche aus den Augen zu verlieren. Diesen Spagat gemeistert zu haben, macht wahrscheinlich das Geheimnis meines Erfolgs aus.

Gab es auf Ihrem Weg auch Rückschläge, die Sie zweifeln ließen?

Gerade in den ersten Jahren gab es Rückschläge zuhauf. Nämlich als ich mich in diversen Labors quer über den Kontinent verdingte und von der Hand in den Mund lebte. Abgelehnte Anträge auf Forschungsmittel oder Jobabsagen von verschiedenen Universitäten in der ganzen Welt haben mich fast verzweifeln lassen. Es gab viele Stunden, in denen ich ratlos über den Ablehnungsschreiben saß. Retrospektiv lesen sich diese Schreiben sehr skurril. Wahrscheinlich hat sich die eine oder andere Institution später über sich selbst geärgert. Aber so ist es nun einmal: Erfolg ist keine Selbstverständlichkeit und meistens lässt er sich nicht vorhersagen!

Die Neugier, Neues zu entdecken, treibt ihn schon seit Kindertagen an. / Foto: © MPIBP

Ist es in der Wissenschaft schwierig, mutige Unterstützer zu finden?

Mittlerweile ist die Situation besser als in den Neunziger Jahren, aber trotzdem ist es oft nicht einfach. Mein Glück war, dass damals am Max-Planck-Institut in Göttingen ein paar Wissenschaftler mir eine Chance gaben, meine ungewöhnlichen Forschungsideen zu überprüfen. Sie haben mir vertraut, dass ich fachlich richtig liege und dass ich den Erfolg will. Vorgesetzte, die Risiken mit neuen Mitarbeitern eingehen und die Chancen, die sie mit sich bringen, erkennen, braucht es immer wieder – nicht nur in der Wissenschaft. Viele Institutionen scheuen einen mutigen, risikobehafteten Schritt. Sie entscheiden sich dann lieber für das Vorhersagbare und daher meistens auch für das Mittelmaß. Doch wer Überraschungen ausschließt, tut das Gleiche mit dem Erfolg.

Was würden Sie daher Jüngeren ans Herz legen?

Ich rate ihnen: „Aim high, stay grounded“. Also nach den Sternen zu greifen, ohne die Bodenhaftung zu verlieren. Und zwar, wenn man auch den Spaß daran hat. Ungewöhnliche Ziele zu haben, bietet viele Freiräume und ist persönlich befriedigender, als in ausgetretene Pfaden zu stapfen. Und mit Spaß und Freude an der Sache lassen sich auch Durststrecken überwinden. Als Naturwissenschaftler darf man aber eines nicht vergessen: die Natur ist unerbittlich. Sie ist, wie sie ist. Sie toleriert daher keine Traumtänzer und Phantasten.

Ist dies heute womöglich einfacher als früher?

Die Welt ist heute dynamischer und mobiler als noch vor zwanzig Jahren, wodurch Erfolge schneller erreichbar sind. Ich glaube, in der öffentlichen Wahrnehmung werden diese Chancen etwas unterschätzt. Auch Menschen aus weniger privilegierten Verhältnissen – zu denen ich sicherlich auch einmal gehört habe- können durch Risikobereitschaft und Fleiß ihr Ziel erreichen. Nicht im Schlafwagen. Hinzu kommt, dass in der westlichen Welt aufgrund einer Periode lang anhaltenden Wohlstands viele junge Menschen nicht mehr den Anreiz verspüren, erfolgreich sein zu wollen. Deswegen gelangen diejenigen, die es wirklich wollen, schneller und vorhersagbarer ans Ziel.

Sie meinen, jeder, der an den Erfolg glaubt, bekommt und verdient ihn?

In der Natur schöpft Prof. Dr. Stefan Hell Energie / Foto: privat

Sagen wir es mal so: ein hoher sozialer Hintergrund kann Tür und Tor öffnen. Zudem fällt es einem dann leichter, die Risiken einzugehen, die für den Erfolg nun einmal nötig sind. Umgekehrt kann ein hoher sozialer Status die eigene Motivation schmälern. Wenn man fast alles hat, wozu soll man sich dann noch anstrengen? Daher kann ein weniger gut betuchtes Elternhaus sogar von Vorteil sein. Auf jeden Fall gilt für alle, die ihren Erfolg mehr oder minder hart erarbeiten mussten, ihn auch verdient haben. Neid wäre fehl am Platz, denn ihr Erfolg bringt meistens auch alle anderen weiter. Wir brauchen erfolgreiche Menschen in unserer Gesellschaft.

Was treibt Sie weiter voran, Ihren Weg zu gehen?

Es gibt noch viel Neues zu entdecken und zu erfinden. Und herauszufinden, was das wirklich sein könnte, macht im Übrigen auch eine Menge Spaß.

 

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Seien Sie gespannt, welche spannende Persönlichkeit in den nächsten Tagen folgt! Alle anderen Interviews finden Sie hier.

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