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“Sahra Wagenknecht”

Politikerin

Sahra Wagenknecht in ihrem Berliner Abgeordneten-Büro. Die Politikerin pendelt zwischen der Hauptstadt und dem Saarland, wo sie mit ihrem Mann Oskar Lafontaine lebt. / Foto: Daniela Grunwald

Die Leute merken, ob jemand authentisch ist

 

Sie ist eine der bekanntesten Politikerinnen Deutschlands: Sahra Wagenknecht (53). Im Interview erzählt die Linken-Ikone über ihren Alltag als Bundestagsabgeordnete, was sie immer wieder antreibt und wie sie mit Anfeindungen umgeht.

Sie bleiben selbst bei den heftigsten Debatten immer so unglaublich souverän und ruhig. Wie machen Sie das, Sahra Wagenknecht?

Na ja, ich gebe mir Mühe. Manchmal ist es schon so, dass ich innerlich koche. Aber wenn man wütend und unsachlich wird, verliert man. Ich halte es sowieso in der gesamten Debattenkultur in Deutschland für ein Problem, dass die Diskussionen zunehmend moralisiert und rein emotional geführt werden, statt sachliche Argumente auszutauschen. Daher versuche ich, wenigstens mich selbst einigermaßen im Griff zu haben.

Hatten Sie sich immer schon so gut unter Kontrolle?

Bei öffentlichen Auftritten habe ich es immer versucht. Es gelingt einem nur nicht immer. Intern bin ich natürlich schon das ein oder andere Mal ausgerastet.

Woher nehmen Sie die Kraft, immer wieder zu versuchen, die Leute zu überzeugen, Sahra Wagenknecht?

Ich hatte auch schon Phasen, in denen ich müde war. Vor gut drei Jahren hatte ich einen Burnout, habe mich deswegen als Fraktionsvorsitzende zurückgezogen. Das sind Situationen, wo man sich fragt, ob das alles etwas bringt … Aber letztendlich bin ich ja in die Politik gegangen, um etwas zu
verändern. Gerade jetzt wäre das so wichtig. Wenn ich mir die Politik der Ampel ansehe, die ist doch verheerend. Sie richtet so viel Schaden an, zerstört unsere Wirtschaft, macht die Menschen arm, dass ich immer wieder denke, dagegen muss man doch etwas tun. Das Schlimme ist eigentlich eher das Gefühl, dass ich zu wenig tun kann. Klar, ich kann reden, YouTube-Videos machen, öffentlich auftreten, aber ich kann aktuell in der Politik zu wenig beeinflussen. Ich wünsche mir, dass ich Menschen motivieren kann, auf die Straße zu gehen, um Druck zu erzeugen, damit das nicht so weitergeht.
Ich glaube, wir werden unser Land sonst in zwei Jahren nicht mehr wiedererkennen.

Sie machen sich durch Ihre Meinung sehr unbeliebt, erhalten Anfeindungen. Werden Sie auch bedroht?

Ich bekomme sehr viele nette Mails von Leuten, die gut finden, was ich mache. Das freut mich natürlich. Ich lasse mir die auch alle weiterleiten. Aber ich bekomme natürlich auch Hassmails, Beschimpfungen, bis dahin, dass mir der Tod gewünscht wird.

Haben Sie dann noch ein gutes Gefühl, wenn sie privat alleine unterwegs sind?

Tagsüber, wenn ich hier in Berlin im Zentrum unterwegs bin, ist das kein Problem. Oft sprechen mich die Leute freundlich an und wollen ein Selfie mit mir machen. Aber ich würde nicht mehr abends in einer wenig besuchten Gegend unterwegs sein. Und ich fahre auch nicht mehr alleine S-Bahn, was ich früher immer gern gemacht habe. Sie pendeln zwischen dem Saarland und Berlin, wo Sie eine Abgeordnetenwohnung haben.

Bedauern Sie manchmal, die Abende dann nicht mit Ihrem Mann verbringen zu können, Sahra Wagenknecht?

Ja, ich bedaure das immer. Es ist schade, dass das Saarland so weit entfernt ist, dass man beim besten Willen nicht zwischendurch zurückfahren kann.
Wie sehr ist Politik bei Ihnen zu Hause Thema? Wir diskutieren aktuell auch darüber, ob die Steinpilze in diesem Jahr noch einmal stärker kommen. Die sind im Saarland bisher ziemlich rar, wahrscheinlich, weil der Sommer hier so extrem trocken war. Wir haben zum Glück auch viele andere Themen und Dinge, die uns wichtig sind. Aber klar reden wir auch über Politik. Wir sind da auch nicht immer einer Meinung. Aber wir haben die Abmachung, dass jeder dem
anderen ehrlich seine Meinung sagt, auch kritisiert.

Haben Sie sich wegen politischer Diskussionen auch schon mal richtig gestritten?

Eine starke Persönlichkeit: Sahra Wagenknecht an ihrem Schreibtisch im Bundestag. / Foto: Daniela Grundwald

Nein, eigentlich nicht. Am Ende sind wir ja doch nicht so weit auseinander. Es sind eher Nuancen, bei denen wir unterschiedliche Ansichten haben. Das ist nichts, wo man sich verbissen streiten muss.

In Ihrem Beruf haben Sie eine führende Position. Wer macht bei Ihnen zu Hause eher die Ansagen?

Es gibt bei uns nicht „den“ Bestimmer. Mein Mann kommt mir oft entgegen, das muss ich zugeben. Aber wenn er etwas wirklich nicht will, dann sagt er es auch.

Wollten Sie immer in die Politik?

Ich wollte früher Wissenschaftlerin werden, Ökonomin oder Philosophin. Nachdenken, Bücher lesen, am Computer sitzen, schreiben. Das liegt mir sehr. Das ist etwas anderes, als von Sitzung zu Sitzung zu hasten, von einem Termin zum nächsten zu rennen. Nachdem ich mich als Fraktionsvorsitzende zurückgezogen habe, habe ich auch wieder mehr Balance in mein Leben gebracht, indem ich mehr lese und schreibe. Das ist mir wichtig. Natürlich kann ich mir auch heute ein Leben als Publizistin vorstellen. Persönlich wäre ich damit glücklich. Aber lieber möchte ich das machen, was viele Menschen von
mir erwarten: die Politik und die Gesellschaft zum Guten verändern.

Wie bereiten Sie sich auf Ihre Reden vor, Sahra Wagenknecht?

Bei Bundestagsreden versuche ich, sie immer einmal durchzusprechen, um die Länge abschätzen zu können. Je schwächer die Linke wurde, desto kürzer wurden die Redezeiten. Und je weniger Zeit man hat, desto mehr muss man sich vorbereiten. Ich schreibe meine Reden immer selbst, ich könnte gar keine fremde Rede vortragen. Wenn ich auf Veranstaltungen spreche, rede ich meistens frei. Vor Reden im Bundestag bin ich auch jedes Mal etwas angespannt. Ein blöder Versprecher und das würde überall laufen, ich würde lächerlich gemacht. / von Daniela Grunwald

Das ganze Interview können Sie in der Printausgabe von “Secrets of Success” nachlesen. Ab sofort können Sie dieses im Handel erwerben oder bei uns vorbestellen.

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