JOCHEN FREYDANK


Nach 20 Jahren Umweg endlich am Ziel

Bis  Jochen Freydank  in seinem Traumberuf als Regisseur arbeiten konnte, brauchte er einen langen Atem. Spätestens seit seinem Oscar-Gewinn steht für ihn fest: Hartnäckigkeit lohnt sich.

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Was bedeutet für dich Erfolg?

Erfolg heißt für mich, Spaß bei der Arbeit zu haben und Filme machen zu können, die ich wichtig und erzählenswert finde. Und richtig schön ist es, wenn die Projekte, die ich wirklich machen will, zu mir kommen. Das ist aber nur manchmal so. Oft ist es so, dass ich mir diese Projekte hart erkämpfe. Auch das ist Erfolg.

Wie vereinbarst du Beruf und Privat­leben?

Das ist keine Stärke von mir. Inzwischen habe ich vielleicht dazugelernt. Rückblickend betrachtet hätte ich meine Kinder schon gern mehr gesehen. Leider spielt dieses Thema bei den Veränderungen, die es derzeit in der Branche gibt, kaum eine Rolle. Es wäre Zeit, dass sich auch für Mütter und Väter in unserer Branche etwas tut.

Was sind die Charaktereigenschaften, die dich erfolgreich machen?

Ich habe keine Angst.

Und ich bin motiviert und kann motivieren.

Um in der Filmbranche Erfolg zu haben, braucht man außerdem mindestens zwei von drei Dingen: Beziehungen, Hartnäckigkeit und Kreativität. Ich bin sehr hartnäckig und kreativ – damit konnte ich die Defizite bei den „Connections“ irgendwann ausgleichen.

Beziehungen müsstest du doch inzwischen auch haben. Spätestens seit deinem Oscar-Gewinn 2009 mit „Spielzeugland“ spricht bestimmt jeder gern mit dir, oder?

Direkt nach dem Oscar war es unheimlich still. Erst nach meinem „Heimatfront“- Tatort 2011 klingelte das Telefon immer öfter und inzwischen habe ich da gut aufholen können.

Dein jüngstes Projekt, der Zweiteiler „Riesending“ (AT), läuft Ende Dezember im TV. Was kommt als Nächstes?

Ich bin derzeit in der Vorbereitung für einen Tatort. Nach ein paar Jahren mit anderen Formaten war es mal wieder Zeit für einen spannenden Krimi.

Du wusstest schon mit 14 Jahren, dass du Regisseur werden wolltest. Warum?

Als Kind verbrachte ich viel Zeit im Kino. Es war also die Liebe zum Film, die in mir diesen Wunsch weckte. Die Vorstellung, dass ich in der damaligen DDR die Stoffe umsetzen könnte, die mich persönlich interessierten, war allerdings etwas naiv. Ich wollte Filme anders erzählen, als es damals in der DDR üblich war, was möglicherweise auch ein Grund war, dass ich an den Filmhochschulen ablehnt wurde. Ich würde gern Filme über diese DDR machen und hoffe, dass sich da mal etwas ergibt.

Hattest bzw. hast du Vorbilder?

Ja, die beiden Regisseure Terry Gilliam und Werner Herzog, weil sie Filme gemacht haben, die eigentlich nicht gingen. Dass sie es schafften, sich gegen alle Widerstände durchzusetzen, finde ich faszinierend.

War der Gewinn des Oscars eigentlich der wichtigste Moment deiner Karriere bisher?

Bestimmt. Wie gesagt, passierte direkt danach erst mal so gut wie nichts. Aber ich bin mir sicher, dass ich ohne den Oscar den Einstieg in die Regie nicht so geschafft hätte. Allerdings waren 20 Jahre Umweg, die ich vor dem Oscar-Gewinn hinter mir hatte, sicher auch wichtig. Und irgendwie ist jedes gute Projekt, dass ich in den letzten Jahren machen konnte, ein Highlight für mich. Und da waren wirklich schöne und wichtige Filme dabei.

Hattest du einen beruflichen Plan B?

Nein. Obwohl ich streckenweise schon in Jobs gearbeitet habe, die kein schlechter Plan B gewesen wären, wie Produzent, Regieassistent, Cutter oder Drehbuchautor. Es sollte eben die Regie sein und das passt auch ganz gut.

Hast du auch Rück­schläge in deiner Karriere erlebt?

20 Jahre Umweg bedeuten irgendwie auch 20 Jahre Rückschläge. Aber da trainiert man eben, den Blick nach vorn zu richten. So mache ich es auch heute, wenn mal wieder eine Förderung für ein Herzensprojekt abgelehnt wird. Ich schaue nach vorn.

Noch mal zurück zu deiner Zeit in der DDR: Du hast bei der NVA als Fotograf gedient. Wie kam‘s dazu?

NVA, das war echt keine schöne Zeit. Irgendwie bekam ich dort mit, dass der Regimentsfotograf gerade gegangen war. Der ist lustigerweise heute Produzent. Jedenfalls behauptete ich damals, eine Fotoausbildung zu haben, was maximal halb stimmte. Weil das zum Glück keiner überprüfte, bekam ich den Job. Ich habe mich da ganz gut durchschlagen können. Ärger gab es eigentlich nur einmal: als ich das Bild eines Offiziers seitenverkehrt vergrößerte und der gute Mann die Orden plötzlich auf der falschen Seite trug.

Was treibt dich in deinem Beruf an?

Es gibt so viele Geschichten, die erzählt werden müssen: Geschichten, die uns etwas über unsere Wirklichkeit erzählen, Geschichten, die über unseren kleinen Tellerrand hinausschauen. Gerade in diesen Zeiten. Und ich finde es wichtig, dass in Filmen Bilder sprechen, dass ein Film eine eigene Ästhetik entwickeln kann.

Was macht einen guten Regisseur aus?

Als Regisseur brauchst du eine klare, kreative Vision und man muss mit Druck umgehen können. Allerdings muss man offen für Input sein.

Wenn man es schafft, seine eigene Vision mit den oft sehr wichtigen Ideen aller zu verbinden, kann Großes entstehen.

Dazu muss man die richtige Atmosphäre schaffen und – noch mal – eine klare Vision haben. 

Wie wichtig ist für dich Teamführung?

Das macht einen Großteil meiner Arbeit aus. Ich muss mich auf die Persönlichkeit von Schauspielern und Teammitgliedern einstellen. Und ich schätze klare Verabredungen: Wenn um 17.30 Uhr Drehschluss ist, ist um 17.30 Uhr Drehschluss. Wenn auch ich mich an diese Verabredungen halte, gehen alle das hohe Tempo, das ich von mir und anderen einfordere, auch gerne mit. Auch spürt ein Team, ob man das, was man macht, ernst nimmt. Jedes neue Projekt kann andere Wege erfordern. Meine letzte Produktion war schon von den äußeren Bedingungen so eine. Allein die vier Wochen in der Tiefe eines Berges. Es war ein wirklich großartiger Dreh mit toller Stimmung am Set. Auch und gerade weil vieles so speziell war und fast unmachbar erschien.

Was bedeutet für dich Luxus?

Für mich ist es Luxus, wenn ich selbst über meine Zeit entscheiden kann. Außerdem habe ich das Privileg, noch dort wohnen zu können, wo es sich viele leider nicht mehr leisten können: im Prenzlauer Berg. Das ist auch ein bisschen Luxus. Es ist immer noch Heimat.

Kommen dir dort auf der Kastanienallee Ideen für neue Projekte?

Im Gegenteil, auf der Kastanienallee finde ich am allerwenigsten Inspiration. Dass viele von denen, die hierzulande über Film reden, denken, die Kastanienallee wäre das richtige Leben, finde ich traurig.

Die guten, wichtigen Themen unserer Zeit liegen vielleicht auf der Straße, aber sicher nicht in Berlin Mitte oder Prenzlauer Berg.