NIKOLAS KREUZ


An der Börse rennen Menschen wie die Lemminge über die Klippe

Morgens um 5 Uhr liegt er in der Badewanne und beobachtet über den Fernseher die Entwicklungen am asiatischen Kapitalmarkt. Danach brachte er viele Jahre seine beiden Kinder zur Schule und leitete im Anschluss bei der ersten morgendlichen Tasse Kaffee mit höchstem Vergnügen Trends für den europäischen und amerikanischen Finanzmarkt ab. Die Kinder sind aus dem Haus. Seine Leidenschaft für Geldanlagen ist geblieben. Seit mehr als 36 Jahren ist er am Kapitalmarkt tätig, unter anderem in der Leitung von Vermögensverwaltungen bei internationalen Banken (Schweiz, Luxemburg und Deutschland). Er führte dort mehr als 100 Portfoliomanager und verwaltete Vermögenswerte im dreistelligen Milliardenbereich. Heute ist  Nikolas Kreuz  Geschäftsführer der INVIOS GmbH, seinem eigenen Institut für Vermögenssicherung und Asset Management, mit dem er mehrfach ausgezeichnete Multi-Asset-Fonds auflegt.

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Herr Kreuz, im Alter von 14 Jahren haben viele noch mit Teddys gespielt. Sie hatten bereits Kontakt mit der Börse. Woher kam diese frühe Leidenschaft?

Ich liebe Mathematik. Der Direktor der Deutschen Bank am Bodensee infizierte mich mit dem Virus. Ich investierte 1.000 D-Mark in Aktien wie Porsche Vz und Siemens. Das war das Taschengeld, das mir meine Eltern für zwölf Monate im Voraus gaben. Damit habe ich den großen Anfangsfehler begangen …

… ausschließlich in deutsche Aktien zu investieren?

Ganz genau. Ich erlag der Heimatmarktneigung, dem sogenannten Home Bias. Heute empfehle ich Kund:innen stets eine breite Streuung.

Eine der Basisannahmen im Portfoliomanagement ist, in der Krise Vermögenswerte zu kaufen und in einer Hochphase zu verkaufen. Weshalb ist die antizyklische Geldanlage noch ein Thema?

Weil wir Menschen sind. (lacht) Unser Gehirn kann Geld evolutionsbedingt nicht richtig erfassen, weil es aufgrund der Biologie primär auf Partner- und Nahrungssuche ausgelegt ist.

Welche Auswirkung haben Ängste bei der Geldanlage?

Katastrophale. In Wirklichkeit sind wir nicht der Homo oeconomicus, sondern der Homo irrationalis. Im präfrontalen Cortex werden eher rationale Prozesse abgebildet. Zu 80 Prozent entscheiden wir jedoch emotional über das limbische System. In Angstsituationen ist unser Denken begrenzt. Und genau das passiert auch an der Börse. 

Die Überschreibung schlechter Erfahrungen ist über sogenannte Extinktion möglich. Warum tun Menschen das nicht?

Weil es Kraft kostet. Wir sind bequeme Wesen und gehen gerne den Weg des geringsten Widerstands. Extinktion funktioniert meistens erst nach 28 Tagen. Unser Belohnungssystem liebt den Dopamin-Ausstoß (gesteuert über den Nucleus accumbens) und strebt nach einer höheren Dosierung. Wenn Aktien im Wert steigen, wird ein kleines neuronales Feuerwerk in unserem Gehirn ausgelöst. Das Angstzentrum ist allerdings 13-mal größer als das Belohnungssystem. Daher siegt oft die Panik und nicht das Glücksgefühl. Dies wird auch als Verlust-Aversion bezeichnet. Das ist der Grund, weshalb wir uns prozyklisch verhalten. Wir rennen wie die Lemminge über die Klippe.

Was passiert bei diesem gruppendynamischen Herden-Effekt mit der Wertentwicklung einer Aktie?

Durch bestimmte Ereignisse – ein Patent oder ein neuer CEO – kann der Wert kurzfristig ansteigen. Menschen setzen beispielsweise Vertrauen in eine neue Geschäftsführerin und kaufen nun die Aktie des Unternehmens. Die Herde fängt an zu traben und der Wert schießt über die eigentlich faire Bepreisung hinaus. Dann kommt die erste Kritik der Überbewertung auf, die Quartalsberichte entsprechen eventuell nicht den Erwartungen. Die Herde beginnt dann in die andere Richtung zu traben. Panik macht sich breit, die Aktie fällt und die Lemminge stürzen über die Klippe.

Wie ist Ihre fachliche Meinung zu Krypto-Währung wie Bitcoin?

Ich halte nicht viel von Krypto-Währung. Für mich ist das eine Blase, geschmückt mit viel Euphorie und Fantasie. Es ist auch formal nicht mit Geld vergleichbar. Es hat weder eine Tauschmittel- noch eine Wertaufbewahrungsfunktion. Wenn ich beim Bäcker mit Bitcoin zahlen möchte, variiert der Preis sekündlich und zu extrem – zudem akzeptiert es auch kaum ein Land als offizielles Zahlungsmittel. Im Gegensatz zu Blockchain und Tokenisierung ist das lediglich eine Brückentechnologie. Außerdem fördern laut einer IWF Studie Krypto-Währungen Geldwäsche und Kriminalität. Oder um es mit den Worten von Investor Warren Buffett zu beschreiben: Bitcoin ist „Rattengift zum Quadrat“.

Welche Karriereschritte waren Ihre wichtigsten?

Eine Vielzahl der Schritte mit unterschiedlichen Verantwortungen haben mich zu dem gemacht, der ich heute beruflich bin.

Jede Veränderung ließ mich wacher und demütiger werden, weil ich die eigene Komfortzone verlassen musste.

Am Ende ist dadurch die Gesamterfahrung viel größer als die Summe der einzelnen Karriereschritte.

Welche Erkenntnisse ziehen Sie aus den Krisen der letzten 40 Jahren?

Alles auf dieser Welt folgt einer inneren Logik, der Sinusfunktion und damit dem Mean-Reversion-Effekt. Das bedeutet so viel wie: Alles, was einatmet, atmet auch aus. Alles kehrt zu seinem inneren fairen Wert zurück. Meine Arbeit gleicht einem täglichen Workout, das ich in Demut absolviere. Mir ist es sehr wichtig, die Demut vor dem Finanzmarkt und vor dem Kundenvermögen nicht zu verlieren.

Wie lautet das Geheimnis Ihres Erfolgs?

Erfolg ist das Ergebnis einer Kombination aus 60 Prozent Fleiß, 20 Prozent Talent und 20 Prozent Glück – und das in dieser zeitlichen Reihenfolge. Etwas zu (er)schaffen, um das Leben anderer zu erleichtern – und es dann zu genießen.