LOUISA DELLERT


Die digitale Schwester

Gut eine halbe Million Menschen folgen Louisa Dellert in den sozialen Netzwerken und haben ihren Weg von der Fitness- zur Nachhaltigkeits-Influencerin und Gründerin begleitet.

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Was bedeutet Erfolg heute für dich?

Im Hinblick auf meine Arbeit bedeutet Erfolg für mich, viele Menschen zum Nachdenken über gesellschaftsrelevante The­men zu bringen und dabei aufeinander zuzugehen.

Beispiel: Mein Freund und ich waren gestern in Brandenburg unterwegs und haben dort zufällig Menschen getroffen, die sich als sogenannte Querdenker entpuppten. Für mich war es ein Erfolg, dass wir es überhaupt geschafft haben, zwei Stunden mit diesen Menschen zu reden und Positionen auszutauschen. Wir sind uns zwar nicht bei allem einig geworden, aber wir haben miteinander gesprochen. Privat ist es für mich ein Erfolg, dass ich gelernt habe, mir meine Zeit einzuteilen und auch mal Nein zu sagen.

In deinem Leben gab es eine tiefgreifende Veränderung durch eine Herz-OP. Hat sich dadurch deine Definition von Erfolg verändert?

Ja. Vorher wollte ich mein Aussehen und mein Körpergefühl durch Sport und Gewichtsabnahme verbessern. Das war meine Definition von Erfolg. Dazu kamen dann die Zahlen der Likes und Follower auf Instagram. 

Wie bist du darauf gekommen, dich dadurch zu definieren?

Mir fehlte das Selbstbewusstsein. Ich fühlte mich zu dick, obwohl ich es gar nicht war. Ich wollte positive Aufmerksamkeit. Eine Freundin machte mich 2013 auf Instagram aufmerksam, zunächst nur als Quelle der Inspiration. Ich habe aber schnell begonnen, auch eigene Inhalte hochzuladen. Als Instagram in den folgenden Jahren immer mehr wuchs, bin ich mitgewachsen. So gesehen war ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Anfang 2015 musstest du dann am Herzen operiert werden und dadurch deine sportlichen Ambitionen reduzieren. Was hat sich dadurch verändert?

Sport dient mir nicht mehr der Selbstoptimierung, sondern ich treibe seitdem Sport nur noch, weil es mir Spaß macht und es gesund ist.

Und dadurch haben sich auch die Themen geändert, mit denen du dein Publikum erreichst?

Ja, dadurch und durch einen weiteren Schlüsselmoment, durch den mir klar wurde, was mir eigentlich wichtig ist: Ich war mit meinem damaligen Freund im Urlaub auf Malta. Er versuchte, unter Wasser Fotos von mir zu machen. Aber im Wasser schwamm überall Müll. Zuerst war ich nur sauer, dass mein Foto nix wurde, später fing ich an, mich damit zu beschäftigen: Wie ist der Müll dahin gekommen? Wer ist dafür verantwortlich? Was machen wir Menschen eigentlich mit unserem Planeten? So bin ich beim Thema Nachhaltigkeit gelandet. Ich wusste damals nicht, wie groß das Thema ein Jahr später dank Fridays For Future werden würde. Inzwischen bin ich 32 und baue auf dem Balkon mein eigenes Gemüse an, um zu sehen, wie Selbstversorgung möglich sein könnte. Und natürlich lasse ich meine Community an all dem teilhaben. Ich möchte nichts fürs Internet machen, nur damit ich erfolgreich bin. Ich möchte Lou bleiben.

Wie schwer war es, deine Follower bei diesem Prozess mitzunehmen, der da in dir stattfand?

Die meisten sind geblieben! Wir machen ja alle in unserem Leben Entwicklungen durch, reflektieren mehr, setzen uns mit anderen Themen auseinander. Meine Community wächst seit Jahren mit mir mit. Ich bin wie eine digitale Schwester, mit der man wachsen kann.

Wie gehst du mit negativem Feedback in den sozialen Medien um?

Von manchen Medien wird man als Influencer oft in negativem Zusammenhang in eine Schublade gesteckt. Dadurch entsteht bei einigen Usern ein falscher Eindruck, der wiederum in Hate Speech mündet. Bei mir kommt jeden Tag irgendwelcher Scheiß an, den ich melde, egal ob zu Klimakrise oder Feminismus. Das ist leider normal geworden.

Ziehst du dich deswegen aus den sozialen Medien etwas zurück?

Ich möchte meine Präsenzen auf den verschiedenen Plattformen nicht aufgeben. Aber ich möchte auch hinter der Kamera kreativ sein. Deswegen haben wir eine Produktionsfirma gegründet, mit der wir die Formate umsetzen, von denen wir glauben, dass sie noch fehlen. So stehen bei uns junge Journalistinnen vor der Kamera und ich entwickle eher die Ideen und gebe Tipps, falls ich gefragt werde. Zusätzlich berate ich Unternehmen bei der Entwicklung und Umsetzung von deren Nachhaltigkeits­strategien.

Welche Tipps sind es, die du den Kolleg:innen mitgibst?

Häufig sage ich, dass man auch als bekanntes Gesicht nicht aufhören darf, eine eigene Meinung zu haben und diese zu vertreten, aus Angst vor einem Shitstorm. Denn der wird immer kommen, egal was du tust.

Was war das Beste, was dir in deiner Karriere bisher passiert ist?

Fehler. Denn aus denen habe ich krass gelernt. Dadurch, dass ich sie gemacht habe und sie nicht wiederhole, fallen mir viele Dinge leichter. Leider ist diese Fehlerkultur in Deutschland noch nicht so stark akzeptiert.

Was sind heute deine Stärken?

Ich bin empathisch und kann gut Gespräche führen. Ich stelle Fragen, die interessieren, die sich aber andere Personen nicht trauen zu fragen, weil sie fürchten, dadurch dumm zu wirken. Mir ist das egal.

Hast du auch Schwächen?

Ja. Ich will oft zu viel und bin etwas sprunghaft. Heute habe ich die eine Idee, morgen die andere, aber eigentlich finde ich alle gut und kann mich nicht entscheiden. Das nervt auch meine Mitmenschen. Daran arbeite ich: zu verstehen, dass auch ein Projekt in Ordnung ist und es nicht gleich zehn sein müssen.

Ist das der Grund, warum du deinen wöchentlichen Podcast „Lou“ aufgegeben hast?

Ja. Ich hatte zu dem Zeitpunkt wahnsinnig viele Projekte und musste irgendwo zurückstecken. Allerdings fehlt mir dieser Podcast total. Vielleicht gelingt es mir ja, ihn unter anderen Umständen zurückzubringen. Jetzt mache ich aber erst mal mit meinem Freund ein neues Podcast-Format „Climate Crime“. Hört euch das unbedingt an!