DIETER BECKEN


Man kann alles schaffen – wenn man alles gibt

Als Kind ist er mit seinen Eltern in den Westen geflohen, heute ist er Chef einer eigenen Holding, die unter anderem auf Entwicklung, Bau und Finanzierung von Gewerbe- und Wohn­gebäuden spezialisiert ist, und wurde kürzlich für sein Lebenswerk mit dem renommierten Hamburger Gründerpreis ausgezeichnet: Dieter Becken hat die berühmte „Vom Tellerwäscher zum Millionär-Geschichte mit viel Ehrgeiz und Disziplin zu seiner Wirklichkeit gemacht. Nur dass der Aufstieg des kleinen Jungen aus bescheidenen Verhältnissen nicht in einer Küche, sondern auf dem Bau als Maurerlehrling begonnen hat …

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Was bedeutet für Sie Erfolg?

Mir ist wichtig, dass ich unabhängig bin und eigenständig arbeiten kann. Wenn ich so meinen Lebensunterhalt verdienen und gleichzeitig meine Tage so gestalten kann, wie ich es möchte, also zum Beispiel selbst entscheiden kann, wann ich Feierabend mache und wann ich mich um meine Familie kümmere, dann ist das für mich ein Erfolg. Es gibt nämlich auch eine private Seite des Erfolgs.

Erfolg ist auch, wenn man gesund ist, wenn man Zeit für seine Hobbys hat und die Familie intakt ist.

Mussten Sie erst lernen, sich auch mal Zeit für Schönes zu nehmen?

Bei mir hat es so 10 oder 20 Jahre der Selbstfindung gebraucht. Nach meiner Maurerlehre habe ich erst Architektur und danach Ingenieurwissenschaften studiert. An einem Freitag bekam ich dann mein Exa­men, am Montag darauf habe ich mich als Architekt selbstständig gemacht. Ich habe schnell gemerkt, dass ich nur mit viel Disziplin Erfolg haben kann, also habe ich Tag und Nacht gearbeitet.

Wenn man wie Sie nicht durch die Familie mit Startkapital versorgt ist, wie gründet man dann ein Unternehmen?

Das ist die Frage überhaupt. Sich direkt nach dem Studium selbstständig zu machen, war eine sehr naive Aktion. Ich hatte weder Kapital noch Erfahrungen oder Verbindungen. Dass das gut gegangen ist, kann ich nur dem Glück zuschreiben, ich könnte niemandem empfehlen, es nachzumachen. Mein Vorteil war vielleicht, dass ich alles auf einmal anbieten konnte: Ich habe das Haus entworfen, die Statik gemacht, war der Bauleiter – und ich habe, wenn es schnell gehen musste, auch das eine oder andere Bad gefliest oder noch eine Wand mit hochgezogen. Meinen Erfolg habe ich meinem Ehrgeiz, aber auch meiner Geduld und Hartnäckigkeit zu verdanken.

Wie würden Sie die Unternehmensgründung heute angehen?

Ich würde versuchen, möglichst schnell in einer Firma Karriere zu machen und mir dort ein Startkapital zu verdienen.

Wenn man ein paar Jahre im Job ist und ein bisschen Talent hat, dann wissen die Leute bald, wer man ist.

Diese Beziehungen kann man später in der Selbstständigkeit nutzen.

Andere in Ihrem Alter denken langsam über den Ruhestand nach – wie sind da Ihre Pläne?

Ich habe mich entschlossen, aufzuhören, wenn ich die Firma mal nicht mehr optimal mit meinem Körper oder Geist bediene. Dann werde ich mich auf meine Hobbys zurückziehen. Ich sammle schon viele Jahre Malerei des 19. Jahrhunderts und habe mir sogar eine eigene private Galerie gebaut, in der ich meine Kunst ganz allein genießen kann. Außerdem betreibe ich begeistert Landwirtschaft. Ich habe ein Gut, das zwar von einem Verwalter geführt wird, in das ich aber voll eingebunden bin. Ich liebe es, über Maßnahmen zu diskutieren, wie man den Boden verbessern kann, wie man am besten erntet, wo man den Dünger einkauft … Und zum Gut gehört auch Wald – das bringt uns zu meinem dritten Hobby: Ich bin leidenschaftlicher Jäger. Jäger zu sein bedeutet ja nicht nur Tiere totschießen, sondern auch sie zu hegen und zu pflegen.

Meine Hobbys reichen für ein zweites vollgepacktes Leben.

Hatten Sie als junger Mensch je das Gefühl, etwas zu verpassen, weil Sie sich früh voll in die Arbeit gestürzt haben?

Ich habe schon mitbekommen, dass Gleichaltrige Diskotheken besucht haben, von denen ich nur den Namen kannte. Da hat mir aber nichts gefehlt, nur bei einer Sache hoffe ich, dass ich nachträglich noch die Kurve kriege: Mich haben schon immer Dokumentationen über römische und ägyptische Ausgrabungen fasziniert. In der Studienzeit hätte ich selbst bei einer dabei sein können, wollte aber lieber schnell meinen Abschluss machen. Das möchte ich nachholen. Mein Ziel ist es, so eine Ausgrabung selbst zu organisieren und zu finanzieren.

Ihre beiden Kinder arbeiten auch im Unternehmen. Wie schwer ist es für Sie zu akzeptieren, dass der Nachwuchs Sachen auch mal anders angeht als Sie selbst?

Das sind beides hochintelligente Kinder, die verstehen, dass sie lernen und Erfahrungen sammeln müssen. Wenn sie mit anderen Meinungen kommen, dann diskutieren wir die. Es ist schon vorgekommen, dass ihre Ideen sehr vernünftig waren und wir es dann genau so gemacht haben.

Welche Werte haben Sie Ihren Kindern mitgegeben?

Fleißig und ausdauernd zu sein. Außerdem kann es schnell schiefgehen, wenn man den Kindern nicht beibringt, dass man vor den Dingen, die man macht, Respekt haben muss und man nicht überheblich werden darf. Ich habe sehr bescheidene Kinder. Vielleicht weil ich Ihnen immer wieder erklärt habe, wie schwierig die Situation manchmal war.