MARCELL JANSEN

"Die richtige Life-Balance zu finden, ist die größte Herausforderung im Leben"

Knapp 50 Länderspiele, 242 Matches in der Bundesliga, Deutscher Meister und Pokalsieger, mit der Nationalmannschaft Vize-Europameister, zweimal Dritter bei der WM – Marcell Jansens Fußball-Karriere lief blendend. Und doch zog er mit 29 Jahren sein Profi-Trikot für immer aus. Der heutige Präsident des HSV wollte mehr – nämlich als Unternehmer Menschen helfen, mehr Zugang zu Gesundheit und Präventionen zu bekommen, wie er ihn als Leistungssportler hatte.

Was bedeutet für Sie Erfolg?

Gerade für mich als ehemaliger Leistungssportler ist wichtig, Erfolg darüber zu definieren, ob ich für mich im Leben weiterkomme. Wo kann ich meine Leistung einbringen und was kann ich bewirken? Und: Unterteilen zwischen Arbeit und Leben geht nicht, das eine gehört zum anderen, aber die richtige Life-Balance zu finden, ist die größte Herausforderung im Leben. Man muss unangenehme Themen ansprechen und darf Dinge nicht in sich hineinfressen. Als Profisportler nimmt man einiges Gutes fürs Leben mit: Kommunikation, Teamgedanke, hinzufallen und wieder aufzustehen, ehrgeizig zu sein, seine eigene Leistung und sein Verhalten zu reflektieren …

Schaffen Sie es wirklich zwischendurch abzuschalten oder haben Sie doch immer das Handy griffbereit?

Zu einer guten Life-Balance gehört auch, dass das Handy mal in der Ecke liegt. Ich habe da an mir gearbeitet. Laut meines

engeren Umfelds und speziell meiner Freundin ist das deutlich besser geworden –

ich muss zugeben, dass die Kritik schon richtig war. Ich bin sehr ehrgeizig, aber das war in vielen Phasen meines Lebens nicht gesund. Wenn man weiterkommen will,

gehört auch Entspannung dazu und dass man Bindungen stärkt, ob mit Freunden, mit dem Lebensgefährten oder der Familie. Das geht oft unter, weil man denkt, das kann man so nebenbei – aber das ist halt nicht so. Auch das braucht Beachtung.

Wo sehen Sie sich in den zehn Jahren?

In zehn Jahren mache ich hoffentlich noch immer, was ich nach dem bewussten Ausstieg aus dem Profi-Fußball begonnen

habe – vielen, vielen Menschen durch mein Wissen und mein Netzwerk Zugang zu Gesundheit, Aufklärung und Prävention zu geben. Ich möchte mit meiner Firma „S’TATICS“ die körperliche und mentale Widerstandsfähigkeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Betrieben stärken. Und hoffentlich bin ich in zehn Jahren auch glücklicher Familienvater von einem, zwei oder wie vielen auch immer Kindern, die gesund sind.

Wie viel Mut hat es Sie gekostet, Ihre Fußball-Karriere gegen das Unternehmertum zu tauschen?

Jeder Wendepunkt braucht Mut, weil es ja den vermeintlich einfacheren Weg gibt, einfach alles so zu lassen, wie es ist. Bei mir wäre der einfachere Weg gewesen, zum Beispiel in die Türkei oder nach China zu gehen und dort noch ein paar Jahre für ein paar weitere Millionen Fußball zu spielen. Ich habe mich dagegen entschieden, weil ich im Leben nach der Profi-Karriere auch noch etwas leisten wollte, statt nur von meiner Fußballerzeit zu erzählen. Und das ist genau die Entscheidung, die ich mit 29 Jahren getroffen.

Ich muss morgens aufstehen und wissen, warum ich noch auf der Welt bin, ich muss etwas bewegen, unabhängig davon, dass ich mal gut Fußball gespielt habe.

Mein Antrieb ist es, anderen Menschen zu helfen. Ich habe meine Entscheidung nie bereut. Und seit sechs Jahren spiele ich auch im Amateurbereich wieder Fußball und habe damit mein Hobby zurückgewonnen. Diesmal geht es nur um den Spaß an diesem tollen Sport. In dem Moment, in dem du dein Hobby zum Beruf machst, ist dein Hobby nämlich weg.

Welche Stärken machen Sie erfolgreich?

Die Visionskraft, die ich habe, die Ausdauer, meine Widerstandskraft, meine Teamfähigkeit und gleichzeitig auch meine Durchsetzungskraft.

Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Leidenschaft, Authentizität und Glaube. Es ist ein großes Privileg, leidenschaftlich sein zu können und Optimismus versprühen zu dürfen.

Welche Rolle spielt die eigene Herkunft beim Hunger auf Erfolg? Ihre Mutter war bei Aldi, Ihr Vater war Warenannahmeleiter in einem anderen Supermarkt. Beide haben sehr hart gearbeitet, um die Familie durchzubringen …

 … und sie haben nie gejammert. Meine Eltern haben nie geneidet. Was mich so persönlich getroffen hat und sicher einer der Gründe ist, warum ich mein Unternehmen gegründet habe, war, dass ich als Zwölfjähriger für meinen Papa einen Arzttermin besorgen musste. Ich hatte das Glück, bei Borussia Mönchengladbach zu spielen, wo man sich toll gekümmert hat.

Gab es einen materiellen Wunsch, den Sie sich nach dem ersten großen Erfolg erfüllt haben?

Ein Haus für meine Eltern, damit sie viel Platz haben, um die Familie einzuladen. Meine Eltern wären auch gern in ihrer Mietwohnung geblieben. Sie haben gesagt: „Junge, wir brauchen gar nicht mehr.“ Aber ich wollte etwas zurückgeben.

Was raten Sie jungen Menschen, die erfolgreich werden wollen?

Lernt euch kennen, findet eure Stärken, findet eure Schwächen und arbeitet mit euch für euren Weg. So werdet ihr viel bessere und richtige Entscheidungen treffen. Vergleicht euch nicht mit anderen, jeden gibt es nur einmal, deshalb wäre das ein sinnloser Wettkampf.  JR